Aikido-Wege

besser miteinander auskommen

Anarchie auf der Matte

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Was hat Freiheit, Gleichheit und der Kampf gegen eine bestehende (staatliche) Ordnung im Aikido Dojo zu suchen? Anarchisten hätten darauf wahrscheinlich eine Antwort.

Vor über 10 Jahren löste ich bei den Mitgliedern einer Aikido-Mailing-Liste eine heftige Debatte aus mit dem Vorschlag, Prüfungen in Präsentationen umzuwandeln. Die Mehrheit fand es inakzeptabel, vor allem die eigene Dan-Gradierung zu einer Performance auszugestalten statt „geprüft“ zu werden. Kurz zuvor hatte ich genau dies mit 5 weiteren Mitschülern getan.

Ich glaube, es hat keinem geschadet, weder uns noch unserem Lehrer. Die Erfahrung war einzigartig, auch die Monate der Vorbereitung. Die Aikido-Schule, in der das stattgefunden hatte, ist vermutlich nach wie vor die einzige in Berlin und anderswo, in der Schülerinnen und Schüler für ihre Graduierungen wählen dürfen, ob sie präsentieren wollen oder lieber zur Demonstration der Techniken aufgefordert werden möchten. Schon diese Wahlfreiheit ist ein Gewinn in meinen Augen. Regeln zu hinterfragen, das ist jedoch die eigentliche Botschaft.

Was mich immer wieder beschäftigt, ist ein Phänomen im Unterricht: Ziel ist ja, angemessen auf einen Angriff reagieren zu können. Deshalb bekommen wir ein Bündel an Techniken angeboten, um uns vor verschiedenen Griffen und Schlägen zu schützen. Natürlich ist es sinnvoll, diese Techniken einzeln zu üben und zu wiederholen. Ergänzend üben wir beim randori — dabei wird man von verschiedenen Personen nacheinander oder gleichzeitig angegriffen — die verschiedenen Techniken je nach Bedarf anzuwenden.

Nur – was passiert so häufig? Die Mehrheit, mich eingeschlossen, möchte von den Techniken so viele wie möglich zeigen. Die Aufgabe, genau hinzusehen und zu spüren, welche Bewegungen, Schritte und Griffe  zum Angriff, zu den Angreifenden und zur Situation passen, wird oft nicht mehr wahrgenommen. Und warum ist das so? Wir wollen zeigen, was wir alles so drauf haben. Es steckt wohl tief in uns drinnen, das Bedürfnis nach Selbstbestätigung und nach Anerkennung. Deshalb wohl der ganze Zirkus.

Hinterfragen wir doch hin und wieder unsere Motive und trauen wir uns, das in der gegebenen Situation ausreichende Mittel und Maß herauszufinden. Regeln umgeben uns, sie schlummern auch in uns.

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