Aikido-Wege

besser miteinander auskommen

Ira

Die eigene Handschrift

Das erste Mal

Zum ersten Mal vom Aikido erfahren habe ich durch dich. Das war vor 20 Jahren und ich kann mich noch ganz genau erinnern: Du bist damals am Mehringdamm zum Aikido gegangen und was dir besonders gut gefallen hatte, war die Meditation. Ich wusste aber, dass das ein Kampfsport ist und vielleicht auch, dass da welche schwarze Röcke anhatten. Jetzt mache ich selbst seit 4 Jahren Aikido. Den Ausschlag gegeben hat ein Besuch beim Heilpraktiker. Ich habe eine Schilddrüsenerkrankung, das ist eine Autoimmunerkrankung. Der Heilpraktiker sagte, der Körper richtet sich gegen sich selbst, eine Art Aggression nach innen und ich sollte versuchen, diese Aggression nach draußen in positive Energie umzuwandeln. Da dachte ich, tolle Idee — da war doch mal G. und Aikido. Ich bin also ins Internet, habe das gegoogelt und fand das extrem gutaussehend. Besonders der Stockkampf hat mich schwer beeindruckt. Ich habe dann in Nordberlin eine Gruppe gefunden, bin da einmal hingegangen und habe mich entschieden, da zu bleiben. So war der Anfang.

Alltägliche Veränderung

In dieser Gruppe waren Männer immer in der Überzahl. Die Herausforderung war, schwitzende Männer anzufassen und wenn ich hinterher schweißnass war, dann war das der Schweiß dieser Jungs. Das war erst mal eine Überwindung, dieser Körperkontakt, aber auch der Bodenkontakt. Und das hat sich dann schon ausgewirkt — ich hatte bald keine Probleme mehr, irgendwelchen Arbeitskollegen mal den Arm um die Schulter zu legen, mal einzuhaken. Meine Beziehung zu Männern ist eine ganz andere geworden. Das ging relativ schnell und war eine sehr positive Auswirkung. Ich bin auch zum Singen gegangen und da gibt es Parallelen zum Aikido. Es geht mir damit einfach besser und ich meistere Situationen mit offenen Augen und mutiger als zuvor.

Drinnen und Draußen

Das Innenleben eines Dojos ist ein Modell von dem Draußen. Man hat draußen und drinnen Konflikte und man lernt drinnen, mit den Konflikten umzugehen. Das nehme ich dann wieder mit nach draußen. Wenn ich draußen Konflikte habe, erinnere ich mich und versuche, es so zu meistern wie ich es drinnen meistern würde. Und ich bin manchmal sehr überrascht über das, was ich denke und sage, was ich früher nicht gedacht habe. Ich habe ein bisschen mehr begriffen über das Zusammenleben zwischen Menschen — warum sich Leute so oder so verhalten. Du kannst dir sicher sein, dass im Idealfall die Leute im Dojo mit offenen Poren da sind und versuchen, dich zu spüren. Draußen ist man oftmals einer Ignoranz ausgesetzt, da muss man manchmal hüpfen wie ein Flummi, damit man gesehen wird.

Old school

In meinem früheren Dojo gab es so Sprüche, die deftig waren: Aikido wird richtig geübt, wenn der Schmerz am Ende der Übung kommt. Oder: Du musst schon ein bisschen was aushalten, wenn du diesen Sport machen möchtest. Aber ich mag es eigentlich auch, auf die Matte geworfen zu werden, den Widerstand von Körper und Matte. Ich bin da regelmäßig mit Mattenbrand rausgekommen. Irgendwann war es mir von der athletischen Seite einfach zuviel. Runden rennen, Liegestützen in verschiedenen Positionen, Hock-Streck-Sprünge, Medizinball werfen, also nach dem warm machen war ich schon richtig ausgepowert. Und ich bin nach 3 Jahren mit dem Gefühl rausgegangen, nicht viel gelernt zu haben. Ich fühlte mich oftmals allein gelassen, obwohl sie sich wirklich viel Mühe mit mir geben haben. Ich habe nicht richtig verstanden, was die von mir wollten. Das ist jetzt anders. Bei meiner alten Schule stand das freundschaftliche Miteinander nicht so im Mittelpunkt, obwohl ich sie sehr gemocht habe. Jetzt in dem neuen Dojo fühle ich mich sehr wohl damit, bildhafte Erklärungen zu den Übungen zu bekommen.

Verbindungen

Ich hab das ja vorhin mit dem Singen gesagt. Es gibt da wirklich Verbindungen zwischen dem Singen und dem Aikido. Da sind die Mutproben — sei es, den Mut aufzubringen, in die Vorwärtsrolle zu fallen oder der Mut, eine Oktave höher zu singen, von einem Ton zum andern — das ist ein Sprung, das verlangt Mut. Oder den letzten Ton einer Phrase voller Energie zu singen bis zum Ende und darüber hinaus, nicht einfach schon nachhause zu gehen innerlich. Das ist wie beim Aikido, dass du bitteschön die Bewegung voller Energie bis zum Ende durchführst. Dann ist da diese Suche nach dem wunderbaren Mittelweg,  alles fließen zu lassen, die Töne rauszulassen, aber trotzdem mit einer inneren Spannung und Präsenz. Es ist eine andere Präsenz, wenn du mit den Augen singst, diese Mischung zwischen locker lassen und energievoll. Ich freu mich immer darüber: Wenn meine Gesangslehrerin mir was sagt, denk ich, das hab ich schon mal gehört diese Woche beim Training. Die Parallelen sind in erster Linie der Energiefluss und der Mut. Eine Aktion auch locker zu machen, trotz Mutprobe und die Suche nach Ausgleich zwischen Spannung und Entspannung, der solange geübt werden muss, bis er gleichzeitig da ist. Beim Singen ist da jedenfalls so. Das ist eine große Freude.

Wünsche

So ein Schwarzrock sieht schon schick aus (Lachen). Aber ehrlich, ich möchte schon Fortschritte machen und ich möchte gerne noch mehr Freude und Spaß empfinden bei den Sachen, die ich mache. Ich würde mich freuen in ein paar Jahren zurückzugucken und zu sagen: Hah, guck mal, wie es damals war und wie es heute ist. Dass ich meine individuelle Handschrift finde, das wär mir schon wichtig. Nicht nur beim Aikido, sondern dass sich das auch außerhalb des Dojos abzeichnet — meine Persönlichkeit.

Berlin, März 2012

Foto: Ira

Portraits

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