Aikido-Wege

besser miteinander auskommen

Jo

Jeder Raum ist ein Dojo

Das Vorbild

Zum Aikido gekommen bin ich durch einen guten Freund. Der war 10 Jahre älter und den habe ich sehr bewundert. Der war ein Freigeist und wie ein Vaterersatz für mich, oder wie ein älterer Bruder. Irgendwann hat er durchblicken lassen, dass er Aikido macht — das war wohl Ende der Achtziger Jahre. Ich bin dann wegen meiner Tochter nach Berlin gekommen und habe ein Jahr später mit Aikido angefangen und zwar mit dem sogenannten Ki-Aikido. Das habe ich 4 Jahre gemacht und das hat auch viel Spaß gemacht.

Die Anfänge

Ich hatte als Kind ein paar Jahre Judo gemacht, auch ein Jahr Jujutsu. Als Jugendlicher lässt man dann aber oft eine Weile nach — ich beobachte das bei meinen eigenen Kindern und bei anderen Jugendlichen — man verreist, man macht Party. Es ist nicht dieses progressive Umgehen mit dem Körper, oder jedenfalls war es das damals nicht. Mit Anfang 20 habe ich wieder angefangen mit dem Sport. Judo und Jujutsu hatte ich aus dieser Kinderidee heraus gemacht, so: oh super, kämpfen. Der Wettkampfcharakter stand aber dabei dem Genießen im Weg. Es war immer mit Druck verbunden. Das fällt beim Aikido weg, gerade beim Ki-Aikido. Die beziehen das garnicht so aufs Körperliche und sehen das nicht als Sport an. Die geistige Entwicklung steht da im Vordergrund. Sensei Yoshigasaki bezieht sich auf Tohei — der hatte das ausgearbeitet mit den Ki-Prinzipien und auch Schriften veröffentlicht über Ki im Management, Ki in der Finanzwelt. Es geht da nicht mehr nur um körperliche Techniken, sondern um sowas wie Erfolgsrezepte auf einer anderen Ebene, aber im Sinne des Aikido. Wie kann ich andere zufrieden stellen und dabei positiv und erfolgreich mein Leben gestalten.

Die Gemeinschaft

Mir war es wichtig, was Selbstgewähltes und was Neues zu machen. Ich kannte wenig Leute, die Aikido machten — bis auf diesen Freund — und dass ich also was besonderes machte, hat mich am Anfang gepusht. Das war eine sehr nette Clique, die ich da getroffen hatte und die 4 Jahre beim Ki-Aikido waren hervorragend fürs Wohlbefinden und um in Berlin anzukommen. Die Clique war ein richtig toller Freundeskreis, wir haben uns privat häufig getroffen und gegenseitig beim Aikido unterstützt. Wir haben Rundreisen gemacht durch Berlin — eine Woche jeden Tag in ein anderes Dojo, um die alle auszuprobieren. Das war sehr gemeinschaftsbildend und ich habe mich gut aufgehoben gefühlt. Über weite Strecken war ich jeden Tag beim Aikido. Ich habe nach einem Jahr dort die Büro- und Putzdienste übernommen, damit ich nicht mehr bezahlen musste. Ich hatte einen Schlüssel, habe da geduscht, saubergemacht und aufs Training gewartet. Das hatte auch diesen Aspekt, dass man sich bei den Kampfkünsten erst mal von unten hocharbeitet oder eben Putzdienst macht, aber ich fand das sehr passend.

Veränderungen

Ich habe Aikido irgendwann auch in meinen Träumen gemacht. Ich fand das bemerkenswert, auf dieser unbewußten Ebene bestimmmte Dinge mit dem Geist des Aikido in Verbindung zu bringen. Dann habe ich im Training selbst Veränderungen an mir bemerkt. In den ersten Jahren hatte ich mich gegen Prüfungen gesträubt bzw. mich den Prüfungen enthalten. Vielleicht aus mangelndem Selbstvertrauen oder aus einer Bescheidenheit heraus. Prüfungen dann aber auch zu erkennen als Selbstkontroll-Faktor oder als Spaßfaktor, das ist auch ein Schritt gewesen zur Veränderung.

Aikido im Alltag

Es gibt ein paar gute Sprüche, die ich im Lauf der Jahre auf der Matte gehört habe. Die bringen einen dann wirklich weiter. Ich hatte das Glück, mit dem Ki-Aikido anzufangen. Ein Grundsatz, der oft erwähnt wurde: Es gibt keinen Grund, Leute herabzustufen, die kein Aikido machen, die was anderes machen, die vielleicht boxen oder Autorennen fahren. Das hat alles seine Berechtigung — es gibt kein schlecht und gut, falsch und richtig. Das hieß für mich damals, dass man keinen Anlass hat, andere runterzumachen oder sich selbst zu erheben, wenn man Vergleiche anstellt. Das habe ich aber in anderen Dojos mehrmals erfahren. Es wurde sogar auf andere Dojos geschimpft. Das wurde beim Ki-Aikido zwar nicht tabuisiert, aber es war ganz klar nicht vorgesehen und nicht erwünscht. Das hat niemand gemacht und diesen Gedanken habe ich mitgenommen.

Wenn ich mit Putzen fertig war, habe ich die Bücher gelesen im Dojo. Da kam auch einiges her an neuen Ideen, also nicht nur aus dem praktischen Unterricht. Was sich auch ergeben hat im Lauf der Zeit, war der Zuspruch von außerhalb. Du bewegst dich gut, zum Beispiel. Wenn du Aikido machst, beobachtest du ja die Bewegungen der anderen, später auch im Alltag und du kriegst einen Blick für Bewegungsmuster und Formen. Das ist ein positiver Effekt und der lässt nicht mehr nach, wenn man mal angefangen hat, sich mit dem Körper zu beschäftigen. Irgendwann kommt dann auch die Erkenntnis, du hast körperlich eine Entwicklung gemacht.

Unterrichten

Bei R. habe ich noch lange von der Ki-Aikido-Erfahrung gezehrt. Der hat mich lange so laufen lassen, bis sich für mich was neues entwickelt hat. Gelassen zu werden war für mich diese neue Erfahrung und da ist man bei R. gut bedient. Selbst unterrichten kam 10 Jahre später, als ich dann Meister war — vorher hätte ich das nicht machen wollen. Danach war ich der Prüfungen überdrüssig — zweiter Dan, dritter Dan, vierter Dan, meine Güte — und wollte eine andere Richtung einschlagen. Ich bin von Natur aus kein Mensch, der etwas immer so weitermacht. Wenn ich etwas kann und begriffen habe, dann ist mir das auch genug und ich bin auf der Suche nach was Neuem. Deshalb war für mich klar, wenn ich hier noch Spaß haben will, dann muss ich was verändern. Deshalb hab ich gesagt, ich übernehme einen Tag Unterricht in der Woche. Das habe ich dann zwei Jahre gemacht.

Eigene Ideen

Man muss eine Idee davon bekommen, dass man selber der Mittelpunkt ist — das Universum kreist um dich. Nicht um das Universum kreisen, was sich Meister So-und-so nennt. Ich habe also versucht darzustellen, was mich persönlich bewegt. Was mir bei R. gefehlt hat, das habe ich in meinem Unterricht forciert. Bilder machen zum Beispiel, es aus dem Alltag, aus dem Privatleben abzuleiten, was wir da tun. Warum können wir das tun und wozu dient es vielleicht.

Zukunft ohne Aikido?

Wenn du von der Schülerseite auf die Lehrerseite wechselst, passiert was anderes. Du hast eine andere Verantwortung und einen anderen Anspruch an dich selber. Nach zwei Jahren Unterricht war wieder ein neuer Schritt fällig gewesen. Vielleicht war das mein zweiter Dan, von der Matte runter zu gehen. Du musst jetzt gucken, dass jeder Boden, jedes Parkett und jeder Raum ein Dojo ist. Du machst eh weiter, du hast das automatisiert und du weißt, was du willst und bist achtsam und wachsam. Aikido hört nach einer gewissen Dauer des Trainings nicht mehr auf. Du veräppelst dich, wenn du sagst, ich habe mit dem Aikido aufgehört und mache jetzt was anderes. Du wirst nie was anderes machen, ohne eine Idee vom Aikido da mit rein zu bringen.

Berlin, März 2012

Foto: Gabimarie

Portraits

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