Aikido-Wege

besser miteinander auskommen

Nicola

Boden unter die Füße kriegen

Rückblick

Ich hatte mal Taekwondo gemacht und damit wieder aufgehört. Als ich nach Berlin kam wollte ich wieder damit angefangen, habe aber nichts Passendes gefunden. Dann habe ich zufällig in einem Volkshochschul-Programm Aikido gesehen. Anfangs dachte ich, das ist eher was für Esoteriker. Ich habe mich nie theoretisch angenähert an das Aikido, bis heute nicht — nach über 20 Jahren. Es hat lange gedauert, bis ich das auf den Rest meines Lebens übertragen habe und es nicht nur als Gymnastik, die ganz gut tut, sondern auch als Lernprozess fürs Leben, für meine Selbstzentrierung verstanden habe.
Ich habe das zunächst ein Jahr lang in Gropiusstadt gemacht und bin danach relativ bald bei R. gelandet. Arbeitsmäßig war ich öfter in München und habe auch dort trainiert. Wegen Reisen hatte ich mal länger ausgesetzt, andererseits habe ich zeitweise jeden Tag trainiert. Seit ein paar Jahren gehe ich öfters auch in andere Schulen. Das macht mich auf und holt mich aus einer gewissen Routine, die man kriegt, wenn man immer beim selben Lehrer und mit den gleichen Leuten zusammen ist.

Veränderungen

Ich habe viel Boden unter die Füße gekriegt durch das Aikido. Das sind langsame und schleichende Veränderungen, die ich gar nicht so bewusst wahrnehme. Vor allem in der Kommunikation mit anderen Leuten — mich mehr und mehr zu trauen und mich nicht einschüchtern zu lassen. Früher gab es immer Leute, die ich gemieden habe. Das gibt es fast gar nicht mehr. Wenn mich jemand einschüchtert, dann geh ich hin und versuche das aufzubrechen. Das passiert auf der Matte, aber auch im Leben. Ich sehe es jetzt spielerischer mit Leuten und habe viel mehr Strategien damit umzugehen.
Musik wäre super zum Aikido. Es hat ja sowieso was Tänzerisches. Ich habe eine Zeitlang viel mit Tanz gemacht und die Musik, das war eine zusätzliche Dimension, die ich sehr gerne mochte. Um das Perfekte für Körper und Geist zu finden, wäre Musik noch ein Element, aber das kann ich mir auch woanders holen. Ich mache Aikido auch gerne so, wie es ist.

Unterrichten

Ich habe es von Anfang an sehr genossen zu unterrichten, weil ich das Gefühl hatte, es kommt soviel Unerwartetes aus mir raus. Ich habe auch jetzt manchmal Lampenfieber, wenn ich eine Zeitlang nicht unterrichtet habe und frage mich dann, wie kriege ich es hin, den Energie-Level zu halten. Lange Zeit habe ich mir vorher genau überlegt, was ich mache und ein Konzept gehabt. Natürlich wurde mir dann klar, ich muss auch kucken, wenn zum Beispiel nur Rockträger [Dan-Graduierte] da sind, dass ich was anderes anbiete, als wenn überwiegend Anfänger da sind oder eine ganz neue Person dabei ist. Irgendwann hab ich mir das also abgewöhnt und mir gesagt, ich fange mit irgendwas an und der Rest ergibt sich daraus. Eine Zeitlang habe ich ein Heft geführt, wo ich mir Ideen aufgeschrieben habe, oder Stunden, die gut gelaufen sind. Ich habe dann nie wieder reingekuckt (Kichern).

Watanabe Sensei

Was mir an Watanabe gefällt, ist die Idee, dass man Uke [Angreifer] nicht kaputt macht. Dass man Uke und auch sich selbst, wenn man Uke ist, was Gutes tut. Die Idee, den anderen nicht kaputt, sondern heil zu machen. Das habe ich bislang woanders so noch nicht gefunden — in dieser Ernsthaftigkeit. Bei Watanabe ist auch das Körperliche in den Bewegungen anders. Zum Beispiel beim Shionage [Wurftechnik]: Dass er einen nicht einfach runter wirft, sondern erst einmal anhebt und raushebelt. Das ist körperlich ganz toll, dass du spürst, wie lang du eigentlich sein kannst, wie weit du loslassen kannst. Ein weiteres Element ist es, sich selber groß zu machen. Was nicht heißt, größer als jemand anders, sondern sich nicht zu ducken und groß und aufrecht zu sein. Was dabei auch eine interessante Rolle spielt ist der Atem. Da bin ich noch dran, wie das geht. Dass du gleichzeitig ein- und ausatmest, dass du nie ganz leer und nie ganz voll bist. Immer beides gleichzeitig bist und nie den Punkt erreichst, wo du ganz leer geatmet bist und zusammen sackst. Wie Watanabe immer sagt, er isst die Luft. Er muss sie nicht einatmen und ausatmen, sondern er isst sie und dann ist sie in ihm drin. Dazu gibt es Übungen, die das aufgreifen, zum Beispiel, dass man immer nur einen Lungenflügel leert und der andere gleichzeitig gefüllt bleibt.

Austausch

Das finde ich beim Aikido auch toll, dass man Leute trifft, die einem wohl sonst nie im Leben über den Weg laufen würden. Dass ich so nach und nach alle auf eine Art mag, das war auch eine neue Erfahrung für mich. Manche, bei denen ich erst dachte, die sind nicht so mein Typ, mit denen will ich nicht so viel zu tun haben, dass ich da Anschluss finde und Momente, wo ich die sehr schätze. Das liegt glaub ich daran, dass man so viel zusammen macht und es schon die Idee von allen ist, gemeinsam Wege zu finden, um das Aikido gut zu machen. Manchmal gibt es Momente, wo man mit jemandem fightet und so was durchkommt: Ich mach es aber richtig / nein, ich mach es richtig. Mittlerweile kann ich das auflösen ohne eine Bemerkung zu machen und es kann etwas Spielerisches kriegen. Dadurch löst sich die zwischenmenschliche Anspannung auch auf. Ich habe das ein paar Mal bei Verhandlungen mit Filmproduzenten gemerkt, wenn es um Gelder oder Zeiten geht. Wenn man dieses spielerische Element mit reinbringt, dass man dann auf eine andere Art miteinander redet.

Ziele

Aikido ist etwas, dass ich auf jeden Fall nicht aufgeben möchte. Ich hab kein Ziel, wo ich hinkommen möchte. Ich will einfach, dass es weitergeht und im Kleinen kommen immer wieder neue Aspekte dazu. Immer wieder agieren und reagieren und dabei auf den eigenen Füßen, in der eigenen Achse zu bleiben, egal was um mich herum passiert. Das hält mich offen und flexibel.

Berlin, September 2012

Foto: Nicola

Portraits

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