Aikido-Wege

besser miteinander auskommen

Sonja

Ich möchte klar gucken können

Der Vorher-Nachher-Effekt

1998 bin ich zum Aikido gekommen. Ich habe zuerst Capoeira gemacht und das hat mich nicht mehr zufriedengestellt. Ein Freund von mir machte Aikido und das war für mich dann der Anreiz auch damit anzufangen. Ich fand die Räumlichkeiten toll, so klar und einfach. In so einem Raum zu trainieren hat mir gefallen.
Die 90er Jahre in Berlin — für mich hat das bedeutet: Studium und alles, wo geht’s hin? Will ich Lehrerin werden‭? Der ganze Hirnwust, mit dem ich damals ins Dojo gegangen bin. W. sagt ja gerne: „Meditation in Bewegung“ und das stimmt, weil man fokussiert, ohne sich auszupowern. Wie man das sonst vom Sport kennt. Dadurch entsteht so eine Entspannung im Kopf und im Körper. Dieses: Mit wirren Gedanken reinzugehen und geklärt rauszugehen. Zu wissen, ich kenne da eine Methode, Ruhe in mich zu bringen, das finde ich nach wie vor toll.

Aikido ist wie ein organischer Tanz

Aikido ist rund — nicht nur von der Idee her. Es ist eine ausgewogene Art, seinen Körper einzusetzen. Ich habe nie das Gefühl, ich müsste mich jetzt anstrengen, wie das bei vielen Sportarten ist. Meine Art mich zu bewegen, war immer sehr nach außen gerichtet. Beim Tango zum Beispiel gibt’s den Neo-Tango und den traditionellen Tango. Beim traditionellen macht man ganz kleine Bewegungen, beim Neo-Tango eher ausladende und ich war immer Neo-Tango-Fan. Inzwischen schätze ich den klassischen Tango. Das hat vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun, dass da nicht mehr so viel raus muss und Ruhe in mir eingekehrt ist.

Humor hat mir gefehlt

Ich fand das fade, wenn niemand gelacht hat. Und das trifft man ja beim Aikido ohne Ende an. Natürlich ist es toll, wenn ich mit jemandem lachen kann und wenn das gestattet ist. Ich finde es zwar nicht schlimm, wenn das nicht da ist, aber früher hat mich das gestört. Das war bei W. so. Ich dachte, was ist denn das für ein steriler Haufen hier? Letztendlich hat das einfach nicht gepasst zu meiner Vorstellung von Ausdruck.

Klarheit

Mit Zazen habe ich ein Jahr vorm Aikido angefangen. Ich bin einfach zu einem sesshin nach Frankreich gefahren. Vorher hatte ich noch nie meditiert. Ich hatte mir nahestehende Menschen verloren und dachte, ich muss was machen. Da sitzt man halt in der Stille, glotzt gegen die Wand und lässt die Gedanken ziehen ohne festzuhaken. Es ist für mich eine Haltung, die beim Aikido ganz gut nachvollziehbar ist, oder die mit dem Aikido Hand in Hand geht.
Ich finde es schon gut, eine Zeitlang einfach „zu machen“. Nicht zu denken, wo will ich hin, wann mache ich die nächste Prüfung? Und wenn man dann mal drin ist, finde ich es wichtig, sich ein Ziel zu stecken. Bei mir ist es das, was auch bei der Meditation wichtig ist: Klarheit. Ich möchte klar gucken können und frisch meine Sachen angehen. Ungeklärt rein, klar wieder raus. Dinge wieder neu betrachten können, weil ich dann auch kreativ bin. Mit einem klaren Kopf und einem klaren Körper ist eigentlich alles möglich.

Systematik

Ich habe schon eine Zeitlang gebraucht, um zu verstehen wie eine Bewegung im Aikido funktioniert. Dass du dich bewegst, ohne zu denken und dich voll auf die Bewegung einlässt.
Bei J. hab ich sehr gut die Techniken gelernt. Der hat analysiert und das Bedürfnis danach hatte ich damals. Ich will letztendlich die Entscheidungsmöglichkeit haben und dazu muss ich wissen, wie es funktioniert. Mit fortschreitender Zeit und Erfahrung und durch die Praxis bei J. hab ich Sicherheit gekriegt — da es ja schon ein Kampfsport ist und du schauen musst, dass du nicht getroffen wirst. Prüfungen hab ich anfangs abgelehnt. Das verursacht auch hierarchisches Denken, was ich nicht wollte. Als ich dann die erste Prüfung abgelegt hatte, ist mir klar geworden, wie simpel das eigentlich ist.
Das mochte ich auch beim Zazen gerne, dieser strenge Rahmen. Du musst dich verbeugen, auf eine bestimmte Art deinen Platz einrichten und sitzen. Ich meine, wenn der Geist ins Rollen kommt, wenn die Gedanken vielleicht nicht ziehen, sondern haken wollen, dann ist es doch ganz gut einen stabilen Rahmen zu haben. Und so begreife ich auch die Techniken. Aikido ist von der Struktur her relativ einfach und das gibt auch eine Stabilität — das Dojo als Raum und die Techniken als Rahmen. Was dann innerhalb des Ganzen passiert, das machst du mit dir aus oder lotest es mit andern aus.

Verbindung

Du machst immer wieder das gleiche und trotzdem wird’s nicht langweilig. Das ist doch schon erstaunlich. Ich denke, das hat auch viel mit dem Kontakt zu tun. Du hast ein Gegenüber und du gehst in Verbindung. Das ist ein wesentliches Moment. Beim Zazen geht man ja auch in eine Verbindung — mit allen, aber hier ist es so richtig greifbar. Wie beim Tango auch. So.

Berlin, Februar 2012

Foto: Sonja

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